Das Jahr des Rostocker Stadtjubiläums war auch für Unterwasserarchäologen ein besonderes. Untersuchungen an historischen Hafenanlagen und einem mittelalterlichen Schiffswrack lassen Rückschlüsse auf die Geschichte des Rostocker Seehafens zu. Mehrere Schiffswracks konnten 2018 durch den Verein Gesellschaft für Schiffsarchäologie e.V. entdeckt oder untersucht werden.

Wir ziehen eine positive Bilanz. „Mehrere hundert Stunden verbrachten unsere Mitglieder unter Wasser. Neben dem Hauptuntersuchungsgebiet im Küstenbereich vor Warnemünde wurde im Schweriner See beispielsweise in knapp 20 m Wassertiefe ein sogenannter Kaffenkahn untersucht und dokumentiert.“

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Kaffenkähne sind Lastensegler, die bis ins frühe 20. Jahrhundert zum Transport von Waren und Baumaterial auf Seen und Flüssen eingesetzt wurden. Heute sind diese Schiffstypen fast in Vergessenheit geraten. Der Verein erhofft sich nach weiteren Untersuchungen in den kommenden Jahren, nähere Informationen zu der Identität des Schiffes und den Umständen des Untergangs zu finden.

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Im Alten Strom nahmen unsere Taucher das Wrack einer „Warnemünder Jolle“ auf. Auch dieser Bootstyp hat als Fischer-, Ausflugs- und Transportboot eine Jahrhunderte lange Geschichte und wurde ebenfalls bis ins erste Viertel des letzten Jahrhunderts genutzt. Heute soll kein einziges Exemplar erhalten sein.

Das Hauptarbeitsgebiet der Gesellschaft für Schiffsarchäologie e.V. ist jedoch die Ostsee.

In der Warnemünder Bucht vor Hohe Düne beschäftigt sich der Verein seit Jahren mit alten Bollwerken, Hafenanlagen und Schiffswracks. Zwölf bisher bekannte Fundplätze sind dem Fundkomplex Hohe Düne zuzuordnen, davon entdeckten wir seit 2010 acht neue Bollwerke, Pfahlsetzungen und Wracks. Es gibt Hinweise auf weitere Strukturen unter Wasser, die dazu beitragen können, die Geschichte des Küstenschutzes und der Hafenentwicklung vom Mittelalter bis heute besser zu verstehen. Dass auch ein Schiffswrack dabei helfen kann, zeigen Untersuchungen aus diesem Jahr.

 

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 Vor einem mit Sträuchern und Torf verfüllten Bollwerk aus Pfählen, fanden unsere Taucher 2013 die stark vergangenen Reste eines Holzwracks etwa 1,8 Kilometer östlich der Hafeneinfahrt. Proben datierten das Schiff in die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts, das dahinter liegende Bollwerk in die 1450-1480er Jahre. Im Sommer 2018 konnten parallel zu den Jubiläumsfeiern intensivere Untersuchungen an dem spätmittelalterlichen Wrack in 5 Metern Wassertiefe durchgeführt werden. Begleitend bot der Verein für interessierte Taucher aus dem gesamten Bundesgebiet den vom Kultusministerium geförderten Schiffsarchäologischen Dokumentationsworkshop an. 

 

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Das Wrack zeigte in erhaltenen Bereichen typische Merkmale des mittelalterlichen Schiffbaus. Auffällig waren die Ladung großer Steine und umfangreiche Reparaturmaßnahmen auf der Beplankung im Vorschiff. Der Rumpf aus überlappenden Planken ist auf die Seite gekippt und unter der Last der Steine zerbrochen. Welchen Zweck das Bollwerk hatte und welche Rolle das Schiffswrack dabei spielen könnte, zeigen historische Akten: Kurz vor Weihnachten 1459, also genau vor 559 Jahren, riss eine Sturmflut ein Durchbruchstief in die Hohe Düne. Im Laufe der 20jährigen Bauzeit wurde eine alte Schute versenkt und dahinter ein Bollwerk aus Pfählen, Sträuchern, Steinen und anderen schnell herbeigeschafften Materialien errichtet, um die Rinne zügig zu schließen. Selbst im Zusammenhang mit den Kämpfen während der Rostocker Domfede soll das „Neue Tief“ Erwähnung finden. Es wird von Pfählen geschrieben, und dass der Feind das verstopfte Durchbruchstief erneut aufsticht, „damit das Wasser überall ginge“ und so die Hafeneinfahrt am Alten Strom schädigt. 

 

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Das Bollwerk passt mit seiner Bauweise und den datierten Hölzern zu den überlieferten Beschreibungen. Das Schiffswrack mit den großen Steinen und dokumentierten Reparaturen kann für seine letzte Fahrt nochmal fit gemacht, mit Steinen beschwert und dann im Durchbruch versenkt worden sein. Im Sediment unter den Fundplätzen konnte die Rostocker Firma Innomar GmbH mit Spezialtechnik sogar eine ehemalige Rinne nachweisen, auf deren Sohle das Schiffswrack jetzt im Ostseegrund liegt.

 

Die Hafeneinfahrt stellte für die Hansestadt Rostock ein wichtiges Nadelöhr zur Welt, für den Seehandel und damit für Unabhängigkeit und Wohlstand dar. In den alten Aktenbeständen ist von dem ständigen Bemühen der Rostocker zu lesen, „das Tief“ schiffbar zu halten. Dabei setzte man schon früh auf die Kraft des Wassers und die Selbstreinigung des gebündelten Flusses. Bereits 1412 ist ein Pflug bezeugt, mit dem man den Fahrwassergrund lockerte, damit das Wasser diesen in die Ostsee spülte. Durchbrüche in den Dünen hatten eine Schwächung der Strömungsgeschwindigkeit der Warnow zur Folge und konnten zum Verstopfen der Einfahrt führen. Aus diesem Grund war man stets bemüht, Durchbrüche schnell zu schließen und die Düne durch Küstenschutzmaßnahmen widerstandsfähiger gegen die See zu machen.

Doch warum befinden sich die beiden Fundplätze heute 200 Meter vom Ufer entfernt im Wasser? Die historische Forschung hat bislang der Küstenentwicklung im Hohe Düner Bereich wenig Beachtung geschenkt. Erosionsprozesse an der Ausgleichsküste durch den Bau der Molen, aber auch Sturmfluten sorgten in den letzten Jahrhunderten auf der Ostseite der Hafeneinfahrt für einen stetigen Küstenrückgang. Das für Küstenschutz zuständige Staatliche Amt für Landwirtschaft und Umwelt gibt heute noch Rückgangstendenzen des Hohe Düner Ufers an, dem es mit Schutzmaßnahmen aus Jahrhunderte lang gesammelten Erfahrungen entgegenwirkt. Wo die Küste aber vor 500 Jahren verlief, war bis dato unklar. Tauchuntersuchungen der Gesellschaft für Schiffsarchäologie geben jetzt Hinweise auf mögliche alte Küstenverläufe. Auch hier kann das spätmittelalterliche Schiffswrack helfen: Naturwissenschaftliche Untersuchungen der Verfüllung des Wracks deuten auf einen ufernahen Untergang im 15. Jahrhundert hin. Die bisherigen Forschungsergebnisse ermöglichen einen ergänzenden Blick auf die Hafen- und Küstenentwicklung seit dem Mittelalter und neue faktengestützte Interpretationen zu einzelnen Fundplätzen. Der Verein wird die Untersuchungen mit seinen Partnern in den kommenden Jahren fortsetzen und sucht Helfer beim Übersetzen alter Schriften, um Ergebnisse der Arbeit unter Wasser mit den historischen Quellen in Übereinstimmung bringen zu können.

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Historische Karten liefern uns viele wertvolle Informationen, eignen sich aber nur bedingt zurRekonstruktion der älteren Küsten- und Hafenentwicklung. Die detailreichen Werke ab dem 18. Jahrhundert stellen die ersten maßstabsgetreuen Kartierungen dar, weisen aber immer noch hohe Lagefehler auf. Für die mittelalterlichen Uferverhältnisse sind keine aussagekräftigen Quellen bekannt. Darüber hinaus ist nicht davon auszugehen, dass die Kartografen nach mehr als 300 Jahren alte vergessene Bollwerke, die schon im bzw. unter Wasser lagen, in den Karten berücksichtigten.